Allgemein

Chinas sheng nü (剩女) – gebildet, gut verdienend und unverheiratet

von Tatjana Romig

Im April diesen Jahres hat die Werbung eines japanischen Kosmetikkonzerns ein sensibles Phänomen der chinesischen Gesellschaft ins Rampenlicht gerückt: Die Klassifizierung gut ausgebildeter, aber unverheirateter Frauen ab den Endzwanzigern als sheng nü (剩女) oder leftover women.

Das Video, das mit Marriage Market Takeover überschrieben ist, begleitet mehrere Frauen, welche durch ihr soziales Umfeld unter Druck stehen zu heiraten. Dabei wird das Nichtzustandekommen einer Heirat beispielsweise auf die zu hohen Ansprüche der Töchter oder ein nur mäßig attraktives Äußeres zurückgeführt. Trotz des hohen Bildungs- und Einkommensniveaus der porträtierten Frauen, besteht die vorrangige Sorge der Eltern im Arrangement einer passenden Ehe – oft über Vermittlungsmöglichkeiten wie beispielsweise Heiratsmärkte. Das Video endet mit einem Besuch auf dem Shanghaier Heiratsmarkt, auf dem die Eltern der porträtierten Frauen Zitate und Fotos ihrer Töchter ausgestellt finden. Trotz oder gerade wegen des Werbehintergrundes wurde das Video schnell zum Internethit.

Dies beruht nicht zuletzt auf den tatsächlichen Problemen der sogenannten sheng in der modernen chinesischen Gesellschaft. Trotz eines Überschusses an Männern prägt sich besonders in den Großstädten eine Asymmetrie im Heiratsverhalten zu Lasten gebildeter Frauen aus. Männer heiraten gerne „abwärts“, beziehungsweise Frauen „aufwärts“, was bedeutet, dass sie ältere und finanziell besser gestellte Partner bevorzugen. Infolgedessen fallen Frauen mit den „‘three highs‘ (high levels of education, high income, and advancing age)” (Gaetano 2014: 125) durch das Raster und erleben erhebliche Probleme bei der Partnerwahl.

Die Stigmatisierung dieser Frauen als sheng nü wird auch von der All-China’s Women Federation, welche 1949 mit dem Ziel der Repräsentation und Unterstützung von Frauenrechten und der Herstellung einer Gleichberechtigung der Geschlechter gegründet wurde, vorangetrieben. In dem Essay: „Wie viele übriggebliebene Frauen verdienen unsere Sympathie?“ (you duoshao shengnü zhide women tongqing?, 有多少剩女值得我们同情?) aus dem Jahr 2012 veröffentlichte die All-China’s Women Federation Bedenken über gut ausgebildete Frauen, welche bei Erreichen eines Doktorgrades bereits alt wie vergilbte Perlen seien (All-China’s Women Federation 2012).[1]

Auch in der wissenschaftlichen Debatte finden die Problematik und Stigmatisierung der sheng nü zunehmend Eingang. To (2013: 2) betont die Diskrepanz gesellschaftlicher Wahrnehmung in China und in westlichen Ländern. Während im Westen gut ausgebildete oder beruflich erfolgreiche Frauen als unabhängig und frei angesehen werden, werden Frauen in der VR China bei gleichen Attributen teils als zu anspruchsvoll, wenig weiblich und schwer verheiratbar angesehen. Basierend auf dieser Diskrepanz in der gesellschaftlichen Auffassung analysiert die Autorin die Zwänge, welche 50 erfolgreich berufstätige unverheiratete Frauen erfahren, mit besonderem Fokus auf die Beziehung zu den Eltern und den romantischen Partnern. Als Ergebnis arbeitet sie in einer Typologie Varianten heraus wie von der Gesellschaft als sheng nü klassifizierte Frauen auf unterschiedliche Weise Lösungen für die Zwänge entwerfen (To 2013: 9).

Wie steht ihr dazu solche sensiblen gesellschaftlichen Themen in einem kommerziellen Rahmen zu nutzen? Und verdienen Geschlechterdynamiken im modernen China unsere Aufmerksamkeit? Hinterlasst gerne einen Kommentar 🙂

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 Literaturhinweise:

Fincher, Leta Hong (2016) Leftover Women: The Resurgence of Gender Inequality in China (Asian Arguments), London/ New York.

Gaetano, Arianne (2014) „Leftover Women“: Postponing marriage and renegotiating womanhood in urban China, in: Journal of Research in Gender Studies 4 (2), 124-149.

To, Sandy (2013) Understanding Sheng Nu („Leftover Women“): the Phenomenon of Late Marriage among Chinese Professional Women, in: Symbolic Interaction 36 (1), 1-20.

Die Homepage von Leta Hong Fincher findet sich unter http://www.letahongfincher.com/.

[1] beiai de shi, tamen bu zhidao nüren shi yue lao yue bu zhi qian, dengdao ziji nadao shihi, boshi biye zheng de shihou, bu liao ziji yijing renlao zhuhuang, „悲哀的是,她们不知道女人是越老越不值钱,等到自己拿到硕士、博士毕业证的时候,不料自己已经人老珠黄。“, eine chinesische Version des Artikels findet sich unter: http://www.niubo.cc/article-236-1.html, letzter Zugriff: 16. Mai 2016.

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Tatjana

Tatjana studiert momentan einen Master in Politikwissenschaft und Chinese Studies an der Universität Heidelberg und absolviert parallel ein Forschungspraktikum am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik der Universität Heidelberg.Bei Mapping China ist sie verantwortlich für das Journal, Veranstaltungen und die Mapping Issue and Structures Kategorien Regionale Integrationsprozesse und Akteure und Institutionen.

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