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Wir sollten mehr Literatur aus China lesen!

von Julia Tatrai

Neben einem politikwissenschaftlichen oder chinabezogenen Studium noch Zeit zum Lesen zu finden, ist schwierig. Das Studium ist bereits für sich leseintensiv, Vokabeln werden nicht so schnell gelernt wie man hofft, Nebenjobs verlangen ein pünktliches und regelmäßiges Erscheinen und diverse Freizeitangebote rufen sirenenhaft nach Aufmerksamkeit. Und trotzdem; an dieser Stelle folgt ein Plädoyer fürs Lesen!

Warum, mag man sich nun fragen, was bringt mir das Lesen von Literatur aus China? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Nicht erst seit Ai Weiweis Ausruf, dass es keine Kunst in China gibt, sieht sich auch die chinesische Literaturszene internationaler Kritik ausgesetzt. Literatur aus China – lange Zeit dachte man hier wohl entweder an uninspirierte Werke aus Chinas kommunistischer Hochphase oder an politische Systemkritik von Schriftstellern im Exil. Und wird in China überhaupt gelesen? Im Gegensatz zu Berlin, wo gefühlt jede dritte Person in der U-Bahn in ein Buch versunken ist, hatte ich in China immer das Gefühl, dass das Handy Beschäftigungsprogramm Nummer eins ist. Und trotzdem: Penguin Books verlegt immer mehr Neuübersetzungen aus dem Chinesischen. 2009 war China Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Und 2012 gewann dann mit Mo Yan der erste Chinese (ich hoffe, dass uns Gao Xingjian diese Aussage verzeiht) den Literaturnobelpreis. Und natürlich liest man in China; 1,4 Milliarden digitale Titel waren es allein in 2014.

Also, wie so oft – die tatsächliche Realität dessen, von dem ich dachte, dass es Realität sei, sieht anders aus.

Ich war im Winter 2013 unterwegs nach Xi’an, in einem Zug, in den ich in letzter Sekunde hineinhechtete, an einem dieser Abende, an der dich kein Taxi in Peking mitgenommen hat ohne dass es einen ersichtlichen Grund gegeben hätte. Ich war müde und angestrengt, weil mich die Fahrt zum Bahnhof alle Nerven gekostet hatte, die ich nach meinem Arbeitstag noch übrighatte. In meinem typischen Schlafwagen-Sechserabteil betrachteten mich neugierige Chinesen. Mein Plan war eigentlich sofort zu schlafen, aber ich hatte beim Ticketkauf nur noch das unterste Bett abbekommen, von dem jeder weiß, dass es Abteilallgemeingut ist bis die Lichter ausgehen. Der Alternativplan war: Kopfhörer in die Ohren und was lesen – ich weiß nicht mehr was. Doch vor der Umsetzung sprach mich eine junge Chinesin auf Englisch an.

Ihr Name war Hong und sie war Studentin in Peking, unterwegs zu ihrer Familie, die in der Nähe von Lanzhou wohnte. Ich habe vergessen, was sie studierte, aber es war irgendetwas technisches. Frisch von der Schule hatte sie andere Pläne gehabt; sie wollte Sprachen studieren oder noch lieber Literatur. Aber sie hatte in der Schule keine Fremdsprache gelernt und so standen ihre Chancen schlecht einen Studienplatz in einem der sprachwissenschaftlichen Fächer zu erlangen. Sie fand es spitze, dass ich was mit China studierte, auch wenn sie Politik nicht interessierte; Politik half nicht dabei, die Ungleichheit in China einzudämmen, die sie mir als größtes Problem ihres Landes nannte.

Schade, dass es nicht geklappt hat mit deinem Wunschstudium, sagte ich, ich finde Literatur auch wahnsinnig interessant. Sie auch!, sagte Hong. Wie wunderbar, was für ein Zufall jemanden zu treffen, der auch Literatur mochte. Welche chinesischen Autoren hätte ich denn gelesen?

Nun ja, die Antwort zu diesem Zeitpunkt waren wenige bis keine. Ich kannte Yu Hua nicht. Ich kannte Cao Xueqin nicht. Ich kannte Lu Xun nicht. Ich hatte mal vor Jahren Shanghai Baby von Zhou Weihui gelesen; das nannte ich. Das ist keine Literatur, sagte Hong und starrte mich entsetzt an.

Und sie hatte Recht entsetzt zu sein. Hätte man mich vor dieser Nacht in unserem ratternden Zug gefragt, ob ich mich als Literaturliebhaber bezeichnen würde, die Antwort hätte ja gelautet. Glaubte ich denn, dass Literatur ein Schlüssel, ein Zugang zu anderen Kultursystemen sein kann? Oh ja, auf jeden Fall. Bevor ich nach dem Abitur ein halbes Jahr in Uganda verbracht hatte, hatte ich alles gelesen, was mir von ugandischen Autoren in die Finger kam und das bereute ich nie. Literatur eröffnet sprichwörtlich Welten, erlaubt einem über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und Fremdes und Gleiches zu sehen, dessen man sich sonst nicht bewusst wird. Literatur von Autoren zu lesen, die in anderen Diskursen groß geworden sind, deren Sprachverständnis ein anderes ist, die über Themen schreiben, die uns unbekannt sind (man möge mir ein Äquivalent zu Ma Jians „The Dark Road“ aus dem anglo-sächsischen oder deutschen Kulturraum zeigen, um diese Aussage zu widerlegen!) bereichert nicht nur wie wir die Welt sehen. Vielmehr erlaubt das Lesen dieser Literatur uns in einen Dialog einzutreten, durch den wir uns bewusster werden, was unser eigenes Wissen über die Welt konstituiert.  Oder wie Murakami sagte: „If you only read the books that everyone else is reading, you can only think what everyone else is thinking“

Hong sprach es nicht aus, aber ich glaube, wir dachten beide, dass ich ein bisschen panne war.

Ich fühlte mich ertappt und ein bisschen schuldig. Was soll ich denn lesen, fragte ich, wenn ich was von einem chinesischen Autor lesen will?

Wir verbrachten die nächsten Stunden bis zum unweigerlichen Lichtausschalten mit Gesprächen über Literatur. Oder besser: Hong sprach und ich schrieb mir die Autoren und Buchtitel auf. Anfangen müsste ich natürlich mit den Klassikern; ohne sie würde ich chinesische Literatur nicht verstehen. Die Reise nach Westen sei wunderbar – Hong hatte Tränen gelacht bei Monkeys ganzem Schabernack. Und ja, Der Traum der Roten Kammer sei unendlich lang, aber so fesselnd! Sie las das Buch immer noch jedes Jahr oder versuchte es zumindest; manchmal hatte sie keine Zeit sich dem Lesen so intensiv zu widmen wie sie wollte. Verstehe ich, sagte ich und wir grinsten uns an.

Neuere Literatur, sagte Hong, ist manchmal schwierig. Ich habe das Gefühl, dass die Sprache nicht mehr so wichtig ist; viele Autoren wollen einfach schocken und schreiben über Themen, die früher Tabu waren. Aber ich sollte am besten Lu Xun lesen; Mao hatte Lu Xun verehrt, wusste ich das? Viele seiner Aussagen hatten sich auf Lu Xun bezogen, das müsste mich doch interessieren, wenn ich mich für Politik interessierte? Ich nickte, wieder ein wenig beschämt und sprach besser nicht an, dass ich mich mit Mao nicht gerade gut auskannte.

Und wenn ich doch noch was Neueres lesen will, fragte ich? Hong überlegte ein bisschen und zählte dann auf: Mian Mian (aber die ist wie deine Zhou Weihui, sagte sie, schreibt nur über Schock-Themen und ihre Sprache ist nicht schön), Guo Jingming, Zhang Ailing, Bi Shumin und Han Han. Krass, sagte ich, danke! Jetzt empfiehl du mir was aus Deutschland, sagte Hong und das tat ich bis das Licht aus war und wir uns vom Schaukeln des Zuges in den Schlaf wiegen ließen. Habe eine gute Weiterfahrt morgen, sagte ich, ich steige um fünf in Xi’an aus. Ok, sagte Hong, und schreib mir, wenn du wieder in Peking bist. Wir können essen gehen!

Bis heute tut es mir leid, dass ich ihr doch nie geschrieben habe. Was kann ich sagen: Leben, Arbeit, andere Menschen kamen dazwischen und schon wenige Monate nach meiner Xi’an-Reise packte ich bereits wieder meine Koffer packte und fand mich im Ruhrpott wieder. Und dann, als ich irgendwann wieder an sie dachte, hatte ich ihre Nummer längst mit meiner chinesischen SIM-Karte verloren.

Aber. Ich hoffe es freut sie zu hören, dass ich inzwischen auch Monkeys Abenteuer kenne und wie sie finde, dass die letzten Kapitel von Traum der Roten Kammer definitiv von einem anderen Autor stammen müssen, denn die sind einfach wirklich nicht mehr so gut. Ich hoffe sie ist mir nicht böse, dass ich Western Girls von Sheng Keyi gut fand, das sie sicher für die literarische Qualität kritisieren würde. Ich bräuchte dringend ihre Hilfe um Lu Xun zu verstehen, denn sein Tagebuch eines Verrückten erschließt sich mir auch nach dem dritten Mal lesen nicht. Sie hat Yu Hua nicht erwähnt und Chronicle of a Blood Merchant hat auch meine Liebe wieder etwas erkalten lassen, aber für mich ist er trotzdem einer der ganz Großen. Ich hoffe, sie verzeiht mir, dass ich immer noch nichts von Mo Yan gelesen habe, aber ich bin weiterhin mit Gao Xingjian beschäftigt. Und vielleicht hat mir das Lesen chinesischer Literatur nicht mehr gebracht (denn das was ich lese auf Chinesisch zu lesen ist leider weiterhin nur Wunschdenken für mich) außer einige Momente des Staunens über Dinge, die sich plötzlich erschlossen haben, diese Aha-Momente wenn man etwas liest und weiß, dass man das selbst schon mal erlebt, geschmeckt, gesehen hat. Und: ich bin jetzt definitiv besser gerüstet, wenn ich noch einmal einer Hong im Zug begegne.

Wer Inspiration sucht: ich benutze Goodreads um online festzuhalten was ich lese und um neue Literatur zu entdecken. Goodreads hat auch Leseempfehlungen zum Thema China (Literatur, populärwissenschaftliche und wissenschaftliche Titel) mit über 70.000 Eintragungen – da sollte für jeden was dabei sein! https://www.goodreads.com/shelf/show/china?page=1

Und natürlich: Wer sind eure Lieblingsautoren aus China? An welches gelesene Buch denkt ihr auch noch Monate später oder immer mal wieder? Ich freue mich über eure Kommentare oder Emails 🙂

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