Allgemein

Chinesische Ansätze in Theorien der internationalen Beziehungen

von Aya Adachi

  • „Theory is always for someone and for some purpose“ – Robert Cox[1]
  • „Over the world as a whole there is no political, economic or cultural sequence that is convincingly universal in its application“ – Colin Platt[2]

Wieso Theorien der Internationalen Beziehungen „westlich“ sind

Theorien der internationalen Beziehungen (IB-Theorien) sind westlichen Ursprungs und nehmen eine hegemoniale Stellung innerhalb der wissenschaftlichen Debatte um die Erklärung globaler Politik ein: Sowohl die Idee der Nationalstaatlichkeit als gängige Ontologie der IB, einhergehend mit Souveränität und anarchischem Staatensystem, als auch die Geburt der Epistemologie aus den Kalamitäten des ersten Weltkrieges entstandene Debatte zwischen Liberalismus (bzw. Idealismus) und Realismus, basieren auf europäischen Erfahrungen auf welchen die Disziplin fußt (Carvalho 2011, Schmidt 1998).[3]

Gründe für den Fortbestand „westlichen“ Einflusses liegt in der epistemologischen Genealogie und dem hegemonialen Status der westlichen IB-Theorien: „Westliche“ IB-Ansätze werden als universale Theorien präsentiert und können als Konzeptualisierungen erachtet werden, die für den „Westen“ sprechen und dem Interesse ihres eigenen Machterhalts dienen(Qin 2007).[4] Zum einen sind alternative Ansätze noch im Begriff sich zu etablieren und die westliche Vormachtstellung einzuholen, zum anderen können lokale Bedingungen die Entstehung neuer Theorien einschränken. Darüber hinaus ist es aufgrund von Verflechtungen und der Übernahme „westlicher“ Konzepte schwierig zwischen nicht-westlicher und westlicher Theorienbildung zu unterscheiden.

Als Regionalwissenschaftler*in ist man mit Problemen in der Anwendbarkeit von Theorien konfrontiert welche die Defizite der IB als Disziplin verdeutlichen. Beispielsweise waren die Erwartungen, dass Modernisierung in Ostasien zu politischen Reformen und zur Konvergenz in der Außenpolitik führt, verfehlt. Etwa in den 1990er Jahren, nach dem Ende des Kalten Krieges, dem Tiananmen Vorfalls, dem Platzen der „Bubble Economy“ in Japan und der Asienkrise, wurde der Ostasiatische Entwicklungsstaat diskreditiert und das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama)[5] und somit das Ende unterschiedlicher Ideologien proklamiert. Die daraus resultierende Fehlerwartung trug dazu bei, dass der Fokus in der wissenschaftlichen Debatte auf Globalisierung gelegt wurde und so unter anderem den regionalen Integrationsprozessen in Asien erst verspätet ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt wurde (Rozman 2015).[6]

Mit der Kritik gegen Eurozentrismus in der IB stellt sich die Frage ob IB- Theorien über eine universale Reichweite ­– also ein hohes Grad an Generalisierbarkeit über eine große Anzahl von Fällen – verfügen sollten. Oder sind Theorien von Natur aus verstreut und damit zwangsläufig Teil des immerwährenden politischen Spiels? Ferner, wie lässt sich die Beziehung zwischen dem „großem Ganzen“ und den Einzelteilen theoretisch gestalten?

Obwohl diese Fragen im Folgenden nicht ausreichend beantwortet werden können, ist es dennoch wichtig die Entwicklung Chinesischer IB Schulen und ihre Berechtigung in diesem Kontext zu betrachten.

Weltanschauung des traditionellen Chinas

Das Tributsystem, welches für 2000 Jahre (von 221 v. Chr. bis zum Anfang des 18. Jhd.) anhielt spiegelt die Weltanschauung Chinas wieder. In diesem System war China das unangefochtene Zentrum ohne dichotomischen Gegenspielern und agierte als alleiniges Ego ohne Alter. Die Nachbarstaaten waren vom chinesische Kaiserhof abhängig, nicht gleichgestellt und verfügten somit über keine Souveränität. Die Rolle Chinas lag darin, die Stabilität des Systems zu erhalten, öffentliche Güter zur Verfügung zu stellen und bei Konflikten und Invasionen in den Peripherien einzugreifen. Diese Weltordnung des traditionellen Chinas ist auch in dem Konzept des 天下– unter dem Himmel – reflektiert, das eine hierarchische aber holistische Weltanschauung ist. Konträr zu einer dualistischen Philosophie, in der Gegensätze als möglich erachtet werden, werden Einheiten in dieser holistischen Weltanschauung als sich komplementär zueinander verhaltende Entitäten betrachtet.

Mit der Konfrontation gegen den Westen im 19. Jhd. ging das Ende des Tributsystems einher: Die auf chinesische Philosophie basierende Ordnung prallte auf die „westliche“ intellektuelle Tradition, welche auf Wettbewerb und Rationalität beruht und die holistische Weltanschauung Chinas war somit einer anderen Gestaltungsmacht gegenüber gestellt, welche durch einen individualistischen Expansionismus geprägt war.

Entwicklung der IB als Disziplin in China

1953 wurde die erste Fakultät mit IB-Bezug an der Renmin Universität gegründet. Darauf folgten Gründung von IB Instituten an der Peking und der Fudan Universität. Bis 1979 wurde vor allem unter dem Einfluss von Marxismus-Leninismus und Maoismus handlungsorientierte Theorien und Strategien entwickelt, welche dem Zweck sozialistischer Revolution dienten. Daher waren nationale Volksbefreiung, internationale Solidarität und Prinzipien der friedlichen Koexistenz Kernthemen der chinesischen IB-Forschung.

Mit der Reform- und Öffnungspolitik wuchs jedoch die Nachfrage an IB-Expertise: Zahlreiche Universitäten führten IB als Fach ein, “westliche“ Standardwerke wurden nicht nur nach und nach ins Chinesische übersetzt und sondern auch an Chinesischen Universitäten unterrichtet. 1980 wurde die China National Association for International Studies gegründet. Mitte der 80ger Jahre bemühten sich chinesische Wissenschaftler mit Unterstützung des Staates die Entwicklung chinesischer Theorien voranzubringen und starteten 1986 mit einem Paper „Make efforts to build Chinese IR theory“ einen Aufruf  chinesische Theorien zu entwickeln, um die Abhängigkeit zur westlichen Konzepten und Theorien abzubauen.[7]

Chinesische IB-Schulen

Zur Entwicklung Chinesischer IB-Schulen dienen vor allem zwei Inspirationsquellen: Marxismus-Leninismus und traditionelle Theorien. Dabei wird oftmals ein integrativer Ansatz verfolgt, indem chinesische und westliche Theorien kombiniert werden, was zu einer Pluralität Chinesischer IB-Ansätze führt.

  • Qin Yaqing verfolgt einen integrativen Ansatz, indem er guanxi (Beziehung) rational-choice Ansätzen gegenüberstellt. Relationale Theorien erlauben es vor allem charakteristische Verhaltensweisen Chinas und anderer asiatischen Kulturen zu konzeptualisieren, welche konträr der dominanten und verzerrenden rational-choice Ansatzes steht. Darüber hinaus setzt er sich dafür ein, chinesische IB-Theorien universell anwendbar zu machen.
  • Yan Xuetong (Tsinghua Schule) verwendet traditionell philosophische Texte, um Leitstrategien für politisches Handeln zu extrahieren. So entlehnt er Konzepte, um unterschiedliche Herrschaftsformen zu typisieren: „true kingship” (王 oder 王道) führt zu einer stabilen internationalen Ordnung; Hegemonie (霸) etabliert Hierarchien und Asymmetrien und kreiert sowohl Stabilität als auch Chaos in der internationalen Ordnung; während Tyrannei  (强) zwangsläufig zu Unheil und zum Niedergang führt.
  • Zhao Tingyang verwendet天下 und das Tributsystem als alternatives Konzept zum westfälischen Staatensystem.

Außer den hier genannten drei Wissenschaftlern gibt es noch zahlreiche weitere akademische Autoren, die in der chinesischen IB Forschung aktiv sind. Dabei spielen Geschichte und Traditionen eine wichtige Rolle in der Weltanschauung und Außenpolitik Chinas. Jedoch steht die Entwicklung chinesischer IB-Theorien vor einigen Herausforderungen:

  • Durch die Pluralität an unterschiedlichen Ideen mangelt es in der chinesischen Debatte an einheitlich definierten Konzepten bzw. einer eigenen Terminologie oder Sprache.
  • Mangel an unabhängiger Wissenschaft:
    • IB dienen der Regierung bei der Formulierung der Außenpolitik
    • Starke Verlinkung zwischen Wissenschaft und policy-making
    • Wissenschaft unterliegt offiziellen Interpretationen der politischen Geschichte seit 1949
    • Policy-maker sind nicht an einer Bildung chinesischer IB im akademischen Sinne interessiert
    • Wissenschaftler haben keinen Zugang zu den für ihre Forschung relevanten Informationen.

Chinesische IB-Schulen als Alternative und Verständnis der Weltanschauung Chinas

Wenn man also Theorie als etwas erachtet, das stets für jemanden und einem Zweck entwickelt wird (Robert Cox),[8] so kann man chinesische IB-Theorien als eine Veräußerlichung betrachten die für China spricht und für chinesische Zwecke stehen; genauso wie westliche Theorien für den Westen sprechen und ihrem Interesse seines eigenen Machterhalts dienen. Chinesische Bemühungen der Errichtung chinesischer IB Schulen, dienen nicht nur als Alternative zur „westlichen Theorien sondern können auch als Versuch betrachtet werden, nationale Identität und internationalen Status zu stärken, die Interessen Chinas in den Diskurs der IB-Forschung zu bringen sowie die Kommunistische Partei Chinas zu legitimieren. Ferner spiegeln chinesische IB-Theorien die Verschiebung der globalen Konstellation wieder und sollten daher auch als Weltanschauung Chinas betrachtet werden.

Apell an Studierende der ChinaRegionalwissenschaft und anderen Regionalwissenschaften

Als Studierende der Regionalwissenschaften die sich mit IB beschäftigen ist es besonders wichtig sich den Ursprüngen der Disziplin bewusst zu sein, die bis heute Theorie und Praxis beeinflussen. Allerdings ist es aussichtslos in der wissenschaftlichen Untersuchung lediglich die Grenzen der IB aufzuweisen und sich hauptsächlich den Problemen der Anwendung von IB-Theorien zu widmen. Im Gegenteil ist es als Regionalwissenschaftler*in darüber hinaus auch erforderlich sich aktiv in der Entwicklung neuer Theorien zu beteiligen und offen für alternative theoretische Impulse und Bausteine zu sein. Dabei sollte jedoch eine Abschottung der Regionalwissenschaften ohne Rückkopplung zur größerem wissenschaftlichem Diskurs vermieden werden, da sonst die Diskrepanz zwischen IB und Regionalwissenschaften weitergeführt wird.

 

Weitere Literaturempfehlungen:

Acharya, Amitav, and Barry Buzan 2007. “Why Is There No Non-Western International

            Relations Theory?: An Introduction” International Relations of the Asia-Pacific 7(3):

            287–312.

Acharya, Amitav, and Barry Buzan 2007. “Conclusion: On the Possibility of a Non-Western

IR~Theory in Asia” International Relations of the Asia-Pacific 7(3): 427–38.

Blaney, David L., and Naeem Inayatullah 2008. “International Relations from Below”,

in C. Reus-Smit, & D. Snidal (Eds.), The Oxford Handbook of International Relations, 663-674. Oxford: Oxford University Press.

Jing Men, and Gustaaf Geeraerts. 2010. “International Relations Theory in China”

            Global Society, 15(3): 37–41.

Noesselt, Nele. 2015. “Revisiting the Debate on Constructing a Theory of International

            Relations with Chinese Characteristics” The China Quarterly 222: 430–48.

Qin Yaqing. 2009. “Relationality and Processual Construction: Bringing Chinese Ideas into       International Relations Theory” Social Sciences in China 30(4): 5–20.

Qin Yaqing. 2010. “Development of International Relations Theory in China” International       Studies 46(1-): 185–201.

Wang Jiangli, and Barry Buzan. 2014. “The English and Chinese Schools of International          Relations: Comparisons and Lessons” Chinese Journal of International Politics 7(1):

            1–46.

Fußnoten:

[1] Cox, Robert (1981) “Social forces, states, and world orders: beyond international relations theory“, Millennium: Journal of International Studies, 10(2), 128.

[2] Platt, Colin (1979) The Atlas of Medieval Man, New York: St Martin’s Press

[3] Für eine kritische Auseinandersetzung des Eurozentrismus in der IB Forschung siehe: Carvalho, Benjamin 2011. „The Big Bangs of IR: The Myths That Your Teachers Still Tell You About 1648 and 1919“ Millennium – Journal of International Studies 39(3), 735-758. Für eine Dekonstruktion der sogenannten ersten Debatte der IB zwischen Idealisten (bzw. Anhängern des Liberalismus) und Realisten siehe Schmidt, Brian 1998. „Lessons from the Past: Reassessing the Interwar Disciplinary History“ International Studies Quarterly 42(3), 433-459.

[4] Qin Yaqing 2007. “Why Is There No Chinese International Relations Theory?” International Relations of the Asia-Pacific 7(3): 313–40.

[5] Fukuyama, Francis 1989. “The End of History.” The National Interest: 3–18.

[6] Für eine detaillierte Diskussion über das Verhältnis zwischen Internationalen Beziehungen und Asienwissenschaften und weiteren Beispielen für problematische Anwendung von IB-Theorien auf Asien bezogenen Fragestellungen nicht gerecht wurde siehe: Rozman. Gilbert (2015) Misunderstanding Asia: International Relations Theory and Asian Studies over Half a Century, Palgrave Macmillan.

[7] Feng, Zhang. 2012. “The Tsinghua Approach and the Inception of Chinese Theories of International Relations” Chinese Journal of International Politics 5(1): 73–102.

[8] Cox, Robert (1981) “Social forces, states, and world orders: beyond international relations theory“, Millennium: Journal of International Studies, 10(2), 128.

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Aya hat einen Masterabschluss in International Relations and International Organisations an der Universität Groningen mit Schwerpunkt auf Ostasien. Sie ist derzeit in Beijing und absolviert ein Praktikum bei der GIZ. Bei Mapping China ist sie verantwortlich für die Bereiche Features, Interviews and die Mapping Issue and Structures Kategorie China-EU.

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