Allgemein

Wie man ein schlechtes Praktikum überlebt

von Julia Tatrai

Die meisten von euch kennen sie leider: Die schlechten Praktika, deren eintönige Tage, übertriebenen Ansprüche, meckernde Kollegen und intriganten Chefs einen jeden Arbeitstag langziehen wie Kaugummi. Ein schlechtes Praktikum raubt Lebenskraft, Idealismus und manchmal den Willen morgens aufzustehen.

Dabei bietet ein Praktikum in der Theorie so viel: Einblick in das Berufsfeld, in das man in einigen Monaten oder Jahren einsteigen möchte. Neue Leute kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, die für das spätere Berufsleben wichtig sind und natürlich: Abseits der Uni die praktischen Fähigkeiten und Kenntnisse erlangen, deren Lerneffekte einen großen Mehrwert bringen und die den Lebenslauf interessant machen. Für viele von uns, die in den Regionalwissenschaften angesiedelt sind, bedeutet ein Praktikum, dass man nach viel Arbeits- und Organisationsaufwand Deutschland verlässt und in die Ferne aufbricht, um neben praktischem Wissen auch Kulturkompetenzen zu lernen und Sprachkenntnisse zu vertiefen. Gerade wenn ein Praktikum mit viel Arbeitsaufwand und hohen Kosten verbunden ist (denn bezahlte Praktika im Ausland sucht man weiterhin oft vergebens), ist die Verzweiflung groß wenn man nach einer Woche feststellt: Das hier ist vieles, aber sicher keine sinnvolle Investition der eigenen Zeit und Fähigkeiten.

Nun gibt es viele Möglichkeiten, um nicht heimwehkrank jeden Abend Freunde anzurufen und sich zu beschweren oder sich vollends der Abstumpfung im Büro hinzugeben. Aber, es sei direkt vorangestellt: Wer nicht bereit ist sich auf sehr ernsthafte Gespräche einzulassen oder zu kündigen, der leidet meistens weiter. Und kündigen ist nicht immer eine gute Option, vor allem dann, wenn man das Praktikum im Ausland absolviert und möglicherweise sogar das Visum an den Praktikumsplatz gekoppelt ist. Also, was kann man tun?

Um es mit dem Soziologen Alfred O. Hirschman zu halten, bieten sich in einer solchen Situation drei Möglichkeiten an: Exit, Voice und Loyalty. Ursprünglich hat Hirschman sein 1970 erschienenes Buch mit Blick auf Konsumentenreaktionsmöglichkeiten bei sinkender Qualität gekaufter Güter in Amerika sowie sinkender staatlicher Leistungen geschrieben. Seitdem wurde sein Konzept jedoch vielfach adaptiert und auch auf den Arbeitsmarkt bezogen, wo es von Allen (2014) unter anderem in individuelle Voice und Gruppen-Voice unterschieden wurde. Diese Feinheiten dürfen gerne in den weiterführenden Literaturtipps nachgelesen werden; uns interessiert für den Lesefluss in erster Linie, dass man in unbefriedigenden Arbeitssituationen in der Regel drei Optionen hat: Diese Unzufriedenheit aktiv anzugehen indem durch die Voice-Option nach konstruktiven Möglichkeiten gesucht wird, den Arbeitsplatz durch die Exit-Option zu verlassen oder die Situation ohne das Kundtun der eigenen Unzufriedenheit durchzustehen, man also dem Arbeitgeber gegenüber loyal bleibt.

Wer keine Lust hat sich der Situation zu stellen und nicht kündigen kann oder will, wählt also die Loyalty-Option. Hier bieten sich an:

  1. Tage zählen

Zu dieser Methode sollte man nur greifen wenn man den eigenen Urlaub schon geplant hat und abzusehen ist, dass noch eine ganze Reihe Feiertage auf einen zukommen, denn nichts ist frustrierender als eine Strichliste zu erstellen, an deren Ende man feststellt, dass man für gefühlt den Rest des eigenen Lebens an den Praktikumsbürostuhl gekettet ist. Sind die Tageszahlen jedoch begrenzt, ist es gut zu wissen, dass ein dreimonatiges Praktikum auch mal nur 40 Arbeitstage umfassen kann. Und so eine Strichliste muss natürlich auch schön aussehen und ein befriedigendes Kästchen zum Abhaken haben…und wenn das Erstellen der Strichliste plötzlich drei Stunden Arbeitszeit braucht, kann man wohl nur sagen: Ups?

Auch sehr schön, aber nicht viel lösungsorientierter:

  1. Rumweinen

Freunde, die ähnliches durchmachen eignen sich immer gut, um sich auszuheulen. Noch besser: Wenn Freunde gerade auch ein Praktikum durchleben, das den Wunsch die Uni bald zu verlassen in weite Ferne rücken lässt. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Für all die von uns, die nicht das große Glück haben mit Freunden ablästern zu können, sollte wohl endlich eine Gruppe gegründet werden, in der man so richtig ablästern kann. Das hilft immerhin kurzfristig.

Und wenn alles nichts hilft:

  1. Augen zu und durch

Manchmal geht das kündigen einfach nicht, weil das Ansehen der Organisation zu groß ist oder weil persönliche Umstände es unmöglich machen. Arbeitet man in diesem Fall in einem Büro, in dem eh alles egal ist, ist das die perfekte Zeit um endlich die Hausarbeit zu schreiben, die man vor Monaten abgeben wollte oder die Sprachkenntnisse zu vertiefen, die man eigentlich längst haben sollte. Das Internet bietet unendliche Unterhaltung in Form von Podcasts und man lernt sogar was dabei? Wolltet ihr schon immer mehr Zeitung lesen? Oder 50 Bücher in einem Jahr? Vor zwei Jahren habt ihr mal was über okkulte Bräuche in Westafrika gelesen und seitdem wollt ihr mehr wissen? Super! Das ist die Zeit dafür! Viel Spaß!

Arbeitet man jedoch in einem Büro, in dem der Schein wichtiger ist als das Sein und in dem es unmöglich ist sich mit anderen Dingen abzulenken, empfiehlt es sich außerhalb des Praktikums nach Beschäftigungen zu suchen. Ihr wolltet schon immer jedes Wochenende in chinesischen Zügen durch das Land fahren? Tut es, auch wenn es eure Ersparnisse auffrisst, denn die kommen nach der Rückkehr nach Deutschland meistens irgendwie zurück. Ihr habt Interesse daran euren Feierabend damit zu verbringen euch mit Sprachpartnern zu treffen, irgendwo freiwillig mitzuarbeiten oder ihr wollt jede Jiaozi-Art Chinas probieren? Tut auch das! Es ist wichtig außerhalb des Praktikums Dinge zu tun, die Einen von dem Elend ablenken und ihr solltet euch nicht der Versuchung hingeben jeden Abend vier Stunden Netflix zu schauen und die Welt zu hassen (was jedoch hin und wieder sehr heilsam sein kann). Unsere modernen Kommunikationsmittel helfen dabei Leute kennenzulernen, denn oft finden sich in Chats oder Facebookgruppen Gleichgesinnte, die auch nach Unterhaltung suchen. Seid lieber drei Monate unausgeschlafen aber glücklicher als euch auch noch alle Freude am Leben wegen eines schlechten Praktikums rauben zu lassen, an das ihr euch in einigen Jahren eh nicht mehr erinnern werdet. Seid ein bisschen rebellisch, wenn nicht offen, aber dann doch immerhin verdeckt und wenn ihr bei einem schlechten Praktikum nicht 100 % gebt, dann haben sich das eure Kollegen oder Chefs nur verdient. Und ein bisschen Rebellion seid ihr euch, angesichts eurer verfliegenden Zeit und ungenützten Ressourcen, auch schuldig.

Wer sich stattdessen für die Voice-Option entscheidet, lernt immerhin auch mit schwierigen Arbeitsplatzsituationen konstruktiv umzugehen und kann sich danach definitiv mit dem Hashtag #erwachsen auszeichnen, auch wenn die Voice-Option eine Menge Überwindung kostet. An erster Stelle steht hier:

  1. Halbe Lösungen finden

Die Option Augen zu und durch hat euch nach einigen Wochen an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht? Dann sind wir leider wieder bei: Kommunikation. Handelt mit eurem Praktikumsgeber eine kürzere Praktikumsdauer aus oder verkürzt eure Arbeitszeit auf vier Tage die Woche. Dafür kann es viele Gründe geben und man muss nicht unbedingt angeben, dass man sonst den Lebenswillen verliert; vielleicht ist einfach Pflicht, dass eure Finanzierung von außen den Nachweis eines Sprachkurses verlangt? Oder ihr müsst da noch was aus der Uni fertig machen, das sich nicht mehr schieben lässt? Bedenkt bei dieser Lösung allerdings, dass sie das Praktikum nicht unbedingt verbessern wird, wenn ihr nicht einen völlig stichhaltigen Grund für eine Verkürzung der Arbeitszeit habt. Gleichzeitig: Ihr seid einem schlechten Praktikum zu wenig verpflichtet, vor allem dann wenn ihr davor nach Lösungen gesucht habt. Macht euch frei vom Druck funktionieren zu müssen in einem Umfeld aus dem ihr nur verschwinden wollt. Eine Vier-Tage-Woche fühlt sich eigentlich an wie gar keine Arbeit und das ist in diesen Situationen das einzige das zählt. Und noch vier Wochen reisen, weil man nur noch drei anstatt vier Monate Praktikum macht, bedeutet oftmals Erfahrungen, die man auch in zehn Jahren nicht missen will.

Wer stattdessen nicht hinnehmen will im langweiligsten oder schlechtesten Praktikum der Welt gefangen zu sein, kann sich tatsächlich Mut antrinken – im figurativen Sinne – und versuchen die Arbeitssituation konkret zu verbessern. Hier gibt es diese Möglichkeiten:

  1. Erwachsen sein und das Problem angehen

Das Zauberwort lautet (wie so oft): Kommunikation! Bekommt man nur die langweiligsten Aufgaben der Welt zugeteilt und starrt seit zehn Tagen auf eine Excelliste mit der Arbeitsanweisung diese „hübscher“ zu machen ist es an der Zeit den Chef oder die Chefin aufzusuchen. Es empfiehlt sich nicht sofort loszumotzen, sondern erst einmal hervorzuheben, wie interessant doch die Arbeit des Praktikumsortes ist und dann elegant dazu überzuleiten, wie schön das Leben sein könnte, wenn man selbst an den interessanten Aspekten der Arbeit beteiligt werden könnte. Immerhin hat man sich das Praktikum ja mal bewusst ausgesucht. Noch viel besser ist, wenn man auch direkt weiß, was man denn gerne tun wollen würde und warum es eine gute Idee wäre dem Praktikanten diese Aufgabe anzuvertrauen.

Hat man stattdessen Probleme mit Kollegen oder gerät in ein Büro, in dem der allgemeine Hass untereinander schon auf der Türschwelle zu erschnuppern ist, sollte man vorsichtiger sein. Komplizierte Beziehungen unter Mitarbeitern oder Chefs sind auch noch einer Woche Beobachtungszeit nicht unbedingt klar zu verstehen. In diesem Fall kann man nur eines tun: Keiner Seite beitreten! Den neutralen Mittelpunkt beibehalten! Man munkelt, dass es sich sogar empfiehlt so zu tun, als würde man gar nicht mitbekommen, dass Fraktion 1 des Büros gerade Fraktion 2 das Essen versalzen hat. Der Praktikant muss mit allen klarkommen und ansonsten am besten so tun, als stecke in ihm nicht einmal ein Blutkörperchen, das zu Lästereien fähig ist. In einer solchen Situation ist es nicht leicht die Voice-Option auszuwählen. Wird man direkt von einem Kollegen oder einem Vorgesetzten angegangen, sollte man sich das von der ersten Sekunde an nicht gefallen lassen. Es wäre wohl eine interessante Studie warum in spezifischen Berufsfeldern Autorität mit Machtdemonstrationen einhergeht, aber das ist ein anderes Thema. Die meisten von uns haben jedoch (leider) die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich ein geeignetes Opfer suchen ganz schnell andere Pfade einschlagen, wenn man verbal zurückschlägt – natürlich niemals beleidigend, aber Schlagfertigkeit ist in einem schlechten Praktikum oftmals eine lebenswichtige Grundeinstellung. Natürlich fällt das nicht immer jedem leicht. Wenn man also bemerkt, dass man grundlos von einem Kollegen angegriffen wird, empfiehlt es sich auch hier bereits nach kurzer Zeit das direkte Gespräch zu suchen. Auch wenn kein Kollege das Problem ist, sondern ein Vorgesetzter muss man leider über den eigenen Schatten springen und das Gespräch suchen. Auch hier gilt: Davor überlegen was man zu sagen hat, was einen konkret stört und natürlich bereit sein, der Sichtweise des Anderen zuzuhören – vielleicht hat man ja ohne böse Absicht einen Stift benutzt, der das Heiligtum des Kollegen am Tisch gegenüber ist. Solche Gespräche sollte man allerdings besser nicht unter vier sondern eher unter sechs Augen führen. Und verändert sich die Situation nicht oder wird sogar noch schlimmer, dann ist die eigene mentale und körperliche Gesundheit immer wichtiger als ein Praktikum und man sollte die Exit-Option wählen. Noch schwieriger wird es, wenn man nicht offen gemobbt, aber deutlich in allen Bürosituationen ignoriert wird. Meistens ist es klüger an dieser Stelle direkt mit dem Chef zu sprechen als sich nach und nach mit allen Kollegen zusammenzusetzen. Dann sollten natürlich keine Namen oder Anschuldigungen genannt werden, sondern eher über das allgemeine Gefühl gesprochen werden, dass man nicht willkommen ist. Leider sind Erfolgsaussichten in einer solchen Atmosphäre jedoch eher gering.

Hilf das alles nichts, darf man nicht vergessen, dass es immer die Exit-Option gibt; die Befreiung von der Unterjochung, die vermutlich noch mehr Überwindung kostet als die Voice-Option aber an ihrem Ende winkt Freiheit, denn:

  1. Man kann immer dramatisch kündigen

Das kann man sogar ganz problemlos, wenn man nicht mal bezahlt wird oder keinen Vertrag unterschrieben hat, was außerhalb Deutschlands keine große Überraschung ist. Was hält euch am Praktikum? Wenn nichts interessant ist und ihr eure Zeit vergeudet und Probleme im Büro habt ist es nicht unbedingt gesichert, dass man überhaupt ein gutes Arbeitszeugnis erhält. Also: Umschauen! Wenn man bereits im Ausland vor Ort ist ergeben sich oft schneller als man denkt neue Praktikumsmöglichkeiten, wenn man alle Ressourcen mobilisiert, die einem einfallen. Der eigene Professor hat mal ein Semester in der gleichen Stadt in China unterrichtet? Anschreiben! Freunde haben vor drei Jahren dort gelebt? Anschreiben! Auf der Veranstaltung letzte Woche habt ihr euch gut mit einem der Gäste unterhalten? Anschreiben! Ihr seid Stipendiat einer Stiftung oder kennt Stipendiaten, die Zugang zu den internen Mailinglisten haben? Anschreiben! Goethe-Institute, DAAD, das AA, die AHK, die politischen Stiftungen, internationale NGOs oder IOs verlangen normalerweise eine Bewerbung Monate im Voraus? Trotzdem anschreiben oder direkt vorbeigehen und euch persönlich vorstellen. Vielleicht kann euch das Mapping China Netzwerk helfen, also: Anschreiben! Ruht nicht, bis ihr was neues habt und dann: Dramatisches Auftauchen beim Chef und kündigt so kreativ wie ihr wollt. Wenn euer Praktikum von einer dritten Stelle gefördert wird, zeigen die sich auch meistens sehr verständnisvoll, wenn ihr eure Gründe gut darlegen könnt und direkt ein neues Praktikum vorzuweisen habt.

Wer sich das nicht leisten kann und auch keinen Flug umbuchen möchte und für den keine dieser Optionen wirklich eine ist, der muss dann wohl leider einfach doch mit dem Praktikum leben. Das heißt, dass man an der eigenen mentalen Einstellung arbeiten sollte. Ein Praktikum dauert nicht für immer und bringt zumindest auf dem Lebenslauf schon etwas. Das ist immerhin ein kleiner Trost, wenn man mal wieder 30 Minuten auf Toilette verbringt, nur um nicht im Büro zu sein. In der Zeit kann man zum Beispiel ganz großartig die Mapping China Homepage durchstöbern – vielleicht hier, falls man doch noch einmal versuchen möchte das Praktikum zu wechseln!

Und zuletzt: Es gibt natürlich auch gute Praktika! Und wenn ihr so eins erwischt habt, dann teilt euer Wissen mit uns oder schreibt uns auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #praktikumshölle, damit die schlechten möglichst vielen von uns erspart bleiben 😉

Weiterführende Literaturtipps:

Allen, M. M. C. (2014), ‘Hirschman and Voice’, in A. Wilkinson, J. Donaghey, T. Dundon and R. Freeman (eds), The Handbook of Research on Employee Voice, Cheltenham and New York: Edward Elgar Press, pp. 36-51

Hirschman, Alfred O. (1970) Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States, Cambridge, MA: Harvard University Press

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